Arbeiter, Alpen und Attrappen

Offizielle Premiere am 04.05.2019

13:00 Uhr im Treptower Park
Der Treffpunkt ist im Park an der ersten Hörstation an dieser Bank.

Der Audiowalk gibt einen Eindruck von der Berliner Gewerbeausstellung von 1896, einer imposanten Leistungsschau, die mit einem 1100 000 m2 großen Ausstellungsgelände die voran gegangenen Weltausstellungen in ihrer Größe übertraf. Eingebettet ist der Audiowalk dabei in den historischen Kontext und Schauplatz: das Berlin um die Jahrhundertwende, mit seinem politischen und kulturellen Leben und mit den Alltagssorgen seiner Bewohner*innen.
Die Hörer*innen folgen bei dem Hörspaziergang drei Protagonist*innen über das ehemalige Ausstellungsgelände, dem heutigen Treptower Park. Sie schließen sich dem Dienstmädchen Clara auf ihrem Ausflug durch die Ausstellung und ihrer Suche nach einem Job an. Sie begleiten den frustrierten Reiseleiter Hans, der beim Einstudieren einer Führung über das Ausstellungsgelände immer wieder abdriftet. Und der Aufseher Julius weiht die Hörerinnen in seine Tauschgeschäfte ein und nimmt sie auf seine Verfolgung nach Clara mit.

Hörprobe

Der Audiowalk kann mit einem soundcloud Account herunter geladen werden oder mit der App offline gehört werden:

Sprecherinnen
Mareike Beykirch als Clara
Christoph Gawenda als Hans
Steffen Scheumann als Julius
und Caroline Böttcher, Einleitung und Kommentar

Konzept, Buch, Regie, Dramaturgie und Schnitt:
Caroline Böttcher
Dramaturgische Beratung: Jacob Hauptmann
Ton: Insa Schwartz und Jacob Hauptmann

Collagen: Caroline Böttcher

Infografik: Rita Böttcher

Fotos: Caroline Böttcher, Rita Böttcher, Martin Gasch

Dieses Projekt wurde von der Dezentralen Kulturarbeit Treptow, Köpenick gefördert und ist als Masterarbeit am Institut für Kunst im Kontext an der Universität der Künste Berlin entwickelt worden.
Besonderer Dank gilt Kristina Leko für ihre Betreuung der Arbeit, dem Medienlabor der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation der Universität der Künste, Jacob Hauptmann, Jule Jäger, Julia Ohlendorf und meinen Kommiliton*innen für ihre Unterstützung und Kritik.

Die Berliner Gewerbeausstellung von 1896

Mit der Gewerbeausstellung von 1896 erkundet der Audiowalk ein Kapitel der Berliner Geschichte, das in Vergessenheit geraten ist. Außer der Archenhold-Sternwarte weist heute nichts mehr darauf hin, dass im Treptower Park eine Ausstellung stattfand, die durchaus Ähnlichkeiten mit einer Weltausstellung hatte, obwohl es lediglich eine lokale Leistungsschau war: Die junge Reichshauptstadt Berlin sollte auf der Ausstellung als Industriemetropole und Weltstadt gezeigt werden. Amüsement, neuste Errungenschaften aus Wissenschaft, Industrie und Handwerk waren dort mit der Werbung für koloniale und politische Interessen vereint. Dabei zeichneten sich deutlich nationalistische und imperialistische Tendenzen ab.
Berlin war zu jener Zeit eine rasant wachsende Industriemetropole. Innerhalb von 13 Jahren hatte sich die Zahl der Großbetriebe verdoppelt. Die harten Arbeitsverhältnisse und Produktionsbedingungen wurden auf der Ausstellung zum großen Teil nicht thematisiert, die Besucher*innen sollten sich vielmehr der Illusion und dem Vergnügen hingeben. In einer Zeit, in der es weder Kino, noch Massentourismus gab, konnten die Besucher*innen für einen Moment in die entlegensten Winkel der Welt reisen. So wurden zum Beispiel die Cheops-Pyramide und eine Alpenlandschaft nachgebaut und eine Völkerschau inszeniert mit Dörfern, die denen aus den damaligen deutschen Kolonien nachempfunden waren.

Der Kiefernbaum und die Palme

Ein Kiefernbaum steht einsam / Bei Treptow am Strand der Spree.
Ihn schläfert, denn Interessantes / Gibt’s nicht in seiner Näh‘.
Er träumt von einer Palme, /Der es ganz ähnlich geht,
Nur daß sie beim fernen Kairo / Im Wüstensande steht.
Da kommen Männer mit Gerten / Und plötzlich geht es klipp, klapp!
Sie schlagen dem Kiefernbaume / Die sämmtlichen Zweige ab.
Getrocknete Palmenwedel, / Die binden sie ihm aufs Haupt,
Nachdem sie all seiner Zweige / So grausam ihn beraubt.
Um seinen Stamm dann wickeln / Sie Binden wundersam
Und färben sie, daß es aussieht / Als wär‘ es ein Palmenstamm.
Nicht mehr von Palmen zu träumen / Braucht jetzt der Kiefernbaum,
Er selber ward zu der Palme, / Die er gesehen im Traum.
Zur Palme ist er geworden, / Die einst seiner Sehnsucht Ziel,
Und Treptow wurde zu Kairo, / Es wurde die Spree zum Nil.
Nun bei sich selber denkt er, / Halb schaudernd und halb beglückt:
Entweder geschah ein Wunder, / Oder ich bin verrückt.

Gedicht aus: Schultze und Müller auf der
Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. Berlin 1896. S. 88f.


Ein kritischer Kommentar zu der Sprache im Audiowalk

Einen Teil der Gewerbeausstellung machten die Völkerschauen aus, die wie alle anderen dieser Art lediglich dazu diente, die Ideen und das Weltbild der Kolonisatoren zu belegen. Das rassistische Denken war damals in der Sprache sowie in der Gesellschaft stark verankert und wurde durch Völkerschauen, immer wieder bestätigt. Auf der Berliner Gewerbeausstellung wurden in den „Eingeborenendörfern“ 106 „Darsteller“ dem Publikum vorgeführt. Die Männer, Frauen und Kinder kamen aus den ehemals deutschen Kolonien Togo, Kamerun, Neu-Guinea, Deutsch-Ost-Afrika und Deutsch-Südwestafrika. Die zu Statisten*innen degradierten mussten Tätigkeiten ausüben, die nichts mit ihrem Leben zu tun hatten. Während der Ausstellung wurden sie außerdem zum Forschungsgegenstand des Ethnologen Felix von Luschan, als er an ihnen Körper- und Schädelvermessungen vornahm. Die Völkerschau wurde als Kontrastbild zum angeblich zivilisierten und fortschrittlichen Westeuropa inszeniert. Auch die Sonderausstellung „Kairo“ sollte einen Gegensatz zu dem auf der Ausstellung präsentierten, technischen Fortschritt zeigen. Auf diesem Weg wurde eine Vorstellung europäischer Überlegenheit produziert und manifestiert. Mit Begriffen wie „Schutzbefohlene“ oder „Eingeborene“ oder dem N-Wort, bedienen sich Hans, Julius, Clara und die Besucher*innen der Kolonialausstellung einer von West-Europäern eingeführten, rassistischen Sprache. So stellt zum Beispiel der Begriff „Schutzbefohlene“ die Kolonisierten als hilfsbedürftige Menschen dar, die des „Schutzes“ der deutschen Kolonialherren bedürfen und verschleiert die gewalttätige Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen.
Von den Völkerschauen ist heute im Treptower Park nichts mehr zu sehen. Aber die Kolonialgeschichte hat ihre Spuren in den Köpfen und auch im Berliner Stadtbild hinterlassen. Sie treten beispielhaft zutage in den Debatten um ethnologische Sammlungen oder um Straßennamen, die noch immer Kolonialherren ehren.

Kontakt: caroline.boettcher@gmail.com